Friedrich Hollaender über Blandine "Wie glichst Du, Blandine, dem Bild, das mir vorschwebte. Oder sollte ich sagen: Wie schwebtest Du mir vor, dass ich es nachzeichnen konnte? Wie warst Du, was Du spieltest! Wie spieltest Du, was Du warst! Und das ist die lautere Wahrheit. Amen.“ | | | | | „Vaführe mir liebers nicht“ „Ich war nicht die einzige, die mit Friedrich Hollaender arbeitete. Vor allem im ‚Café Größenwahn’, das nun ein kleines Theater wurde. Er schrieb für alle anderen. Er komponierte.“
Leben zwischen Ehe und Cabaret „Die wichtigsten Dinge waren für mich von jeher die künstlerischen gewesen. Das private Leben ist für die Außenwelt uninteressant. Jeder Mensch hat seine Aufgabe. Ganz gleich, welcher Art die Begabung ist. Diese Aufgabe muss erfüllt werden, und daran setzt man alle Kraft. Das taten wir damals beide.“
Zuhause in Strausberg „Ich war also nun verheiratet. In mir hatte sich nichts verändert. Ich hieß auch nur selten Frau Hollaender, ich blieb Blandine Ebinger. So nannte man mich, es fiel gar nicht auf, dass eine Veränderung eingetreten war. Nur zu Hause war es anders. Strausberg war ein Ort für Besuch geworden. (...) Ich wohnte mit einem Mann zusammen, nicht mit irgendeinem, sondern mit dem, den ich für ein ganzes Leben erwählt hatte, so war es beschlossen. Ich dachte darüber nicht weiter nach.“
Theater, Tante und Tempo „Da wir noch keine eigene Wohnung gefunden hatten, wohnten wir in Tante Donis Wohnung. Es waren die Möbel meiner Tante, der Flügel war die einzige Neuerwerbung. Ein wunderschöner Ibach-Flügel mit herrlichem Klang. Unlackiert. Unbezahlt – auf Raten. Wir frühstückten zusammen, rasten dann ins Theater. Man raste damals, man rast heute. Man hatte ja immer furchtbar viel zu tun.“
Das Blaue Wunder „Der Ibach-Flügel stand in seiner schönen Form vor mir. Ungebeizt, unlackiert. Wir schwärmten damals für rohes Holz. Jetzt aber fand ich, dass er blau noch viel schöner aussehen würde. Ich besorgte mir einen Kübel mit leuchtend blauer Farbe und machte mich daran, ihn anzumalen. Hollaender war etwas verwundert, aber dann malte er mit. Wer gar nicht damit einverstanden war, das war die Firma Ibach, wie sich später herausstellte, denn wir hatten diesen Flügel ja auf Abzahlung gekauft.“
Auf der Bühne bei eisiger Luft „Das Theater hatte sich für mich nun ins ‚Cabaret Größenwahn‘ verwandelt. Es gehörte Rosa Valetti. Sie war zwar eine große Komikerin, aber menschlich etwas schwierig. Wenn man dort oben auf der Bühne stand, war linker Hand ein Fenster. In meiner Erinnerung war es ewig zerbrochen, und es strömte immer feuchte und kalte Luft herein. In dem Augenblick, wo ich auf der Bühne stand, war ich so vertieft, dass diese Dinge nicht an mich herankamen. Ich bemerkte sie nur vorher oder hinterher. Die Garderobe war eher ein Verschlag. Hier trat ich nun jeden Abend auf.“
Geburt der Tochter Philine „Das Kind veränderte das Leben schlagartig. Natürlich, das ist immer so. Ich dachte an den Augenblick, in dem ich die erste Regung gespürt hatte, dieses zarte Tupfen, das einem sagt, dass man nicht mehr allein ist, das zu versprechen scheint, man werde nur Freude und keine Sorgen haben. Selbstverständlich war das ein Irrtum. Die Sorgen fingen sehr bald an – sie haben bis heute nicht aufgehört. Ich war glücklich, dass alles vorbei war. Als ich mich vor den Spiegel stellte, war ich froh, wieder eine normale Figur zu haben. Dennoch hatte sich etwas geändert. Ich war eine Frau geworden.“
Durchschlagender Erfolg „Nachdem Hollaender und ich mit den Liedern einen so durchschlagenden Erfolg gehabt hatten und ich etwa hundertfünzigmal abends in dem rauchigen ‚Tingel-Tangel’ auf der Bühne gestanden hatte, meldeten sich Theater aus anderen Städten.“
Schallplatten „Es sprach sich schnell in Berlin herum. Es kamen weitere Angebote, neue Anfragen. Electrola meldete sich. Wir machten Schallplatten.“
Matineen „Die Matinee wurde in den Zwanziger Jahren in Berlin sehr gepflegt, eine Gruppe Kunstbegeisterter kam immer. Jeder Darsteller hatte seine Anhänger. Wenn man das Glück – oder Pech – hatte, in einem Erfolgsstück aufzutreten, hatte man das ganze Jahr über keinen freien Abend.“
Eifersucht „So lebte ich in einer eigenen Welt und bemerkte gar nicht, dass Hollaender ein Doppelleben führte. Wir führten bald eine Ehe, die eher eine Bruder-Schwester-Beziehung war. Das lag gewiss auch daran, dass ich mich mit allen Kräften auf meine künstlerischen Aufgaben konzentrierte. Ich machte mir das damals gar nicht klar. Das hinderte aber Hollaender nicht daran, mich sehr eifersüchtig als seinen alleinigen Besitz zu beanspruchen. Er misstraute jedem Bühnenpartner und Regisseur.“
Eine Puppe unter Einfluss „Ich erkannte allmählich, was für ein Spiel Hollaender trieb. Er wollte aus mir eine Puppe machen, die ohne ihn hilflos war, die nur er aufziehen konnte. Vielleicht tat er das gar nicht bewusst, aber er beobachtete mich. Warum eigentlich? Er tat es.“
Pfändung „Meine Mutter hatte für uns eine Wohnung gefunden in Siegmundshof, im Tiergarten. Sie hatte uns ein schönes Biedermeierzimmer geschenkt, das aus dem Kunstgewerbemuseum stammte. (...) Was stand denn da für ein großer Wagen vor unserem Haus? Es wurden Möbel aufgeladen, eine Vitrine, ein Biedermeierschreibtisch ... Das war ja mein Biedermeierzimmer! Ich konnte nichts tun. Hollaender machte ein schuldbewusstes Gesicht. Der Anwalt erreichte zwar, dass die Pfändung hinausgeschoben wurde, aber die Wohnung im Tiergarten wurde aufgelöst.“
Bei Bertolt Brecht „Immer wieder wurde ich als Schauspielerin geholt, auch wenn Hollaender vieles davon verhinderte. Er hatte mich für sich gepachtet, und ich weiß heute noch nicht, wie er es immer wieder schaffte, etwas abzubiegen, mich aus etwas herauszuholen. Nur gelegentlich gelang es mir, dennoch zu spielen. Etwa in Brechts ‚Trommeln in der Nacht’, die er – leider – selbst inszenierte. So sehr ich Brecht schätzte, ich fand seine Inszenierungen der eigenen Stücke nie besonders aufregend.“
Die andere Seite des Genies „Hollaender wollte stets ‚standesgemäß’ leben, das aber bedeutete angesichts des großen Loches auf der Spielseite: weit über unsere Verhältnisse. Dabei waren die Verhältnisse an sich nicht schlecht. Wir verdienen beide gut; ich arbeitete ständig bis zur Erschöpfung, er war immer fleißig. Nur für das Tägliche reichte es nie. Nach dem damaligen Recht vermochte ich nichts zu tun, wenn mir am Zahltag im Theater gesagt wurde, er habe meine Gage bereits abgeholt. Vieles von dem, was er tat und wollte, war maßlos. Das war die andere Seite des Genies.“
Künstlerehe mit Rissen „Hollaender war ein Genie. Auf der Stirn trug er das Zeichen des durch und durch musikalischen Menschen, das man bei vielen Meistern findet. Er war ungeheuer fleißig. Jeden Morgen saß er pünktlich am Flügel. Wenn ihn etwas beseelte, konnte er acht Stunden hintereinander arbeiten. Er hatte einen großen, von Intelligenz geprägten Charme. Münchhausen aber, der Lügenbaron, war gegen ihn ein Waisenknabe, gewiss war Friedrich geschickter als der Baron. Hollaender war auch von einem überwältigenden Egoismus. All diese Eigenschaften erkannte ich erst später. Zunächst konnte er eben zaubern, nicht nur mit Worten und seiner Musik, er verzauberte einen auch durch sein gewinnendes Wesen. Ich, die ich schon in der Kindheit Märchen schrieb und mir gern meine eigene Welt baute, fiel natürlich auf den Zauber herein. (...) Die gemeinsame Arbeit während der Ehe ließ mich kaum zur Besinnung kommen. Ich arbeitete von früh bis spät in die Nacht. Gelegentlich machten wir sogar Ferien. Da uns nicht viel Zeit blieb, höchstens ein Wochenende, fuhren wir immer nur an die Ostsee, nach Heringsdorf oder Swinemünde. (...)“
Trennung von Friedrich Hollaender „Hollaender war außer sich, er lasse sich niemals scheiden, sagte er. Merkwürdig. Meine Mutter war es, die für mich empört war und dann alles weitere betrieb. ‚Ich nehme dir Blandine weg. Du bist ihrer nicht wert.’ Hollaender weinte, er wollte keinesfalls die Scheidung. Schließlich kam jener Tag, an dem wir nur eine kurze Zeit zusammen mit dem Richter in einem fürchterlichen Gerichtsgebäude waren. Hollaender saß ganz allein auf einer Bank, zusammengesunken, wirklich ein armer kleiner Pilz. Und ich, die ich nun von ihm geschieden wurde, hatte Mitleid mit ihm. Dann aber fiel mir ein, wie oft ich ihn wegen einer Freundin hatte trösten müssen. Ich hatte eher schwesterliche Gefühle empfunden, sonst hätte ich das Leben an seiner Seite schon längst nicht mehr ausgehalten.“
Menschlich und künstlerisch verbunden „Wenn ich es heute bedenke, war die Scheidung ein Schritt in die falsche Richtung. Es wäre richtiger gewesen, weiter an seiner Seite zu leben und ihn gewähren zu lassen, behutsam zu lenken. Dieser Schritt hatte Folgen, die erst viele Jahrzehnte später deutlich wurden, nach Hollaenders Tod. Die unmittelbaren Folgen der Scheidung waren zweischneidig. Zwar konnte es nun nicht mehr vorkommen, dass ich nach schwerer Arbeit im Theaterbüro hörte, Hollaender habe meine Gage schon geholt. Aber mein Anwalt hatte kein Scheidungsurteil bewirkt, dass für mich eine Sicherstellung bedeutet hätte. Er war vertrauensselig und fiel einfach auf Hollaenders Beteuerung herein, er werde seine Verpflichtungen gegenüber dem Kind und mir erfüllen. Natürlich geschah nichts dergleichen, im Gegenteil, Hollaender kam in alter Gewohnheit zu mir und bat mich, einige Wechsel für ihn zu unterschreiben. ‚Ich bin in einer verzweifelten Lage! Mein neuer Schlager Liliput wird das in kurzer Zeit wieder einbringen.’ Ich brachte es nicht über mich, ihn im Stich zu lassen. Auch nach der Trennung arbeiteten wir wieder gut zusammen. Es entstanden Revuen, mit denen wir Ende der Zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre große Erfolge hatten. Künstlerisch verstanden wir uns stets gut.“ Nazis „Hollaender war schon 1933 nach Hollywood gegangen. Für mich wurde das Leben in Deutschland immer schwieriger. (...) Hollaender in Amerika konnte nichts mehr tun für uns. Eine seiner Tanten hatte ihr ganzes Geld einem Heim am Elsterplatz in Grunewald gegeben, in dem sie nun lebte. Sie rief an, wollte Philinchen sehen. ‚Ich schicke sie dir gerne, aber man weiß ja nicht ... Wir können nur hoffen, dass uns niemand denunziert.’ (...) Die Angriffe wurden deutlicher. Eines Tages wurde ich in die Reichsfilmkammer bestellt. Da saßen viele Herren, betrachteten mich. Mir war fast nach Lachen zumute: So viele Männer sitzen da, sicher in ihrem hocharischen Gefühl, Macht über andere zu haben. Mir wurden allerhand Fragen gestellt, die ich sehr ruhig beantwortete. Unter anderem die, ob nicht eine polnische Linie in meinem Stammbaum sei, meine Mutter sei doch eine geborene Wetzel. ‚Wezel’, stellte ich richtig. ‚Meine Großmutter war Berlinerin, ebenso wie meine Mutter und ich es sind.’ Schließlich konnte ich gehen und konnte sehen, wie ich mich weiterhin durchschlug. Filme gab es für mich kaum noch. Ich wurde meistens übergangen.“
Ins Ungewisse „Binnen zwei Tagen erhielt ich Fahrkarten für einen holländischen Dampfer. Sie kamen von Hollaender. Als ich es meiner Mutter sagte, wurde sie blass. Wir konnten es nicht fassen, dass wir uns trennen mussten. Wir standen am Zug nach Kopenhagen und konnten nicht sprechen. Philine und ich sollten von Kopenhagen aus nach San Diego fahren. Das war ein ungeheurer Schmerz. Ich verließ Deutschland. Würde ich es jemals wieder sehen? Und meine Mutter, meinen Vater? Und: Wohin fuhr ich? Wer erwartete mich? Ich fuhr ins Leere ...“
Ankunft in Amerika „San Diego, Kalifornien. Alle waren begeistert, nur ich war von großer Traurigkeit ergriffen. Ich wusste selbst nicht, warum. Vielleicht war es eine Ahnung. Ich konnte vor Tränen kaum sprechen, als ich dem Beamten meinen Pass gab. Hollaender, der mit Freunden und seiner neuen Frau, Hedi Schoop, am Kai stand, war verwundert. ‚Warum weinst du denn?’ Nur Philine strahlte. Sie ließ mir keine Zeit, mich meinen Gefühlen hinzugeben. Mir wurde eine große Rechnung vorgelegt, die mir unerklärlich war. Der geringe Luxus auf dem Schiff konnte doch nicht zu solchen Summen führen? Als ich mich dagegen verwahrte, stellte sich heraus, dass Philine – ich war seekrank gewesen – eine Party gegeben hatte. Meines Erachtens hatte ich eine harmlose Kindergesellschaft mit Kaffee und Kuchen erlaubt. Doch nun zeigte es sich, dass sie eine ganze Gruppe trinkfester Damen und Herren freigehalten hatte. Hollaender bezahlte die Rechnung. Von San Diego aus fuhren wir nordwärts nach Hollywood, nicht weit entfernt von Hollaenders Haus, einer Art spanischer Hazienda mit einem großen Schwimmbecken in einer kleinen Parkanlage. Jeden Tag war schönes Wetter, von morgens bis abends. Beruhigend. Obwohl ich das herrlich fand, verließ mich meine Traurigkeit nicht.“
Unter Emigranten „Gelegentlich traf ich auch Lion Feuchtwanger. Wir wohnten eine Zeitlang nicht weit voneinander entfernt am Monaco Drive in Pacific Palisades, jenem Stadtteil von Los Angeles, der an Bel Air anschließt und zum Meer führt. Der Monaco Drive ist eine Villenstraße, die sich, am Sunset beginnend, in vielen Schleifen und Kurven bis weit oben zu den Hügeln hinaufwindet. Weiter unten lebte die Familie Thomas Mann, daneben in einem sehr viel bescheideneren Haus Lion Feuchtwanger und seine Frau Martha, eine kräftige Urmünchnerin.“
Eine Berlinerin kehrt zurück In der Presse wird Blandine Ebingers Rückkehr nach Deutschland 1947 gemeldet: „Blandine Ebinger hat das sonnige Kalifornien, in dem sie jahrelang gewirkt, verlassen, um nach Berlin zurückzukehren. Zürich bleibt nur Zwischenstation. 1937 hat sie einer Einladung nach London Folge geleistet und dort Abende mit Rezitation, mit Liedern und dramatischen Szenen gegeben. Aus der Tournee wurde ein Exil. Sie fuhr hinüber, machte mit in Hollywood, spielte aber auch in Amerika eher Theater als Film, weil die Standardisierung der Filmfabriken ihrem stets sich erweiternden Wesen nicht lag. (...) Den Ruinen Berlins sieht sie mit etwas Bangen entgegen. Als alte Berlinerin weiß sie jedoch, dass diese Stadt jenes gewisse Etwas bewahrt hat, welches der Millionenstadt einen eigentümlichen Zauber verleiht, eine geistige Elektrizität, um deretwillen man die knapp bemessenen Rationen der materiellen Elektrizität zwar nicht gern, aber doch mit einer Art hochgemuter Trotzigkeit in Kauf nimmt.“
München als zweite Heimat „Nach dem Tod meiner geliebten Mutter war ich wie betäubt. Es war wie ein Albtraum. Ich fuhr nach Amerika. Ich wollte möglichst weit fort. (...) Ich kehrte nach Deutschland zurück, Berlin konnte ich nicht mehr ertragen. Dort war alles mit meiner Mutter verbunden, jede Ecke, überall ein schmerzliches Bild. Ohne sie konnte ich mir Berlin nicht vorstellen. Berlin geteilt. Strausberg in einer anderen Welt. Ich wollte wegrennen, weil Berlin mir wehtat. Ich ging nach München, das meine zweite Heimat werden sollte. Es verbanden mich so viele angenehme Erinnerungen mit dieser Stadt. (...) Die Wohnung lag praktisch. Man konnte in die Innenstadt zu Fuß gelangen. Und gleich um die Ecke, an der Maximilianstraße, war damals noch das gemütliche kleine Restaurant ‚Zur Kanne’. (...)“
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