Schall und Rauch und Tingeltangel
„In der Metropole, zu jener Zeit ein Tummelplatz der Schieber, des Amüsierbetriebes und der politischen Reibungskämpfe, begleitete Friedrich Hollaender im Kabarett ‚Schall und Rauch’ seine Musik zu Liedern von Walter Mehring, Kurt Tucholsky, Klabund, gelang ihm mit seiner ersten Frau Blandine Ebinger in Rosa Valettis ‚Café Größenwahn’ die bruchlose Einheit von Wort, Melodie und Vortrag (...). Das Schwanken zwischen expressiver Ernsthaftigkeit (...) und purer, wenngleich genialer Schmiere (...) war Programm. Das blieb es auch, als Hollaender Mitte der Zwanziger in seinem Charlottenburger ‚Tingeltangel-Theater’ die ihm ureigene Form der Kabarett-Revue kreierte. Seine ‚Revuette’ verband scharfe Zeitkritik mit entblößendem Spott über Zeitgenossen und Zeiterscheinungen.“
Andreas Pauli
 
   
Imagewar einer der großen Meister des Chansontextes für das literarische Kabarett der Zwanziger Jahre. Schon an den ersten Vorbereitungen für „Schall und Rauch“ war er beteiligt und lieferte zuverlässig Vorlagen für dieses Haus, später für Rosa Valettis „Café des Westens “ (das in die Geschichte einging als „Café Größenwahn“), für Trude Hesterbergs „Wilde Bühne“. Immer waren seine Texte eine Herausforderung für die Interpreten, nie gefällig, leichtfüßig, sondern stets voller expressionistischer Wortgewalt, immer „mit etwas unheimlicher Schwefelsäure versetzt“. Für Blandine Ebinger schrieb er „Wenn wir Stadtbahn fahren“ (CD 2 Nr. 1), „Die roten Schuhe“ (CD 1 Nr. 19). Als Jude mußte er 1933 emigrieren, nach Verhaftung und Internierung gelangte er schließlich 1941 in die USA und wurde amerikanischer Staatsbürger, worauf er großen Wert legte. Mehring war - anders etwa als Tucholsky, dem er das immer neidete - nie populär, seine schwierigen Texte waren etwas für Kenner. Nach dem Krieg schrieb er für Blandine Ebinger etwa das „Rätsellied“, das Juan Allende-Blin vertonte und es Blandine Ebinger widmete: „Für die, welche der Reim verschweigt“ (CD 2 Nr. 22). Sie hat es Mehring noch im Rahmen einer Fernsehsendung vorgetragen und seine begeisterte Zustimmung erfahren. Zu diesem Zeitpunkt lebte der Dichter, verarmt und fast vergessen, in Zürich. Mehring war, so Willy Haas, „der einzige, den man im gleichen Atemzug mit Swift, mit Villon, mit Rabelais zu nennen wagen würde“.
Imagewar ebenfalls einer der Großen der kleinen Form, der große Popularität erlangte. Auch er war von Anbeginn dem Kabarett „Schall und Rauch“ verbunden, prägte das Bild dieses Hauses mit durch seine Chansons, die er für ihre Interpreten schrieb, für Paul Graetz, Rosa Valetti, Kate Kühl, Trude Hesterberg oder Blandine Ebinger. Seine Verse wurden häufiger unter seinen Pseudonymen Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter, Kaspar Hauser als unter seinem Namen veröffentlicht. Auch für das „Café Größenwahn“ und die „Wilde Bühne“ lieferte er regelmäßig Texte. Dieser Teil seines Gesamtwerkes ist besonders umfangreich und eindruckvoll. Als Journalist beeinflußte Tucholsky durch seine Beiträge in der „Weltbühne“ das politische Leben Berlins und Deutschlands oft unmittelbar, seine Prosa, etwa „Rheinsberg“, „Schloß Gripsholm“, wird noch heute viel gelesen, die genannten Titel wurden mehrfach verfilmt. Schon 1929 verließ er aus politischen Gründen Deutschland und lebte in Schweden, wo er sich 1935 das Leben nahm.
Imagewar neben Walter Mehring, Kurt Tucholsky, Friedrich Hollaender der Dichter, der das Repertoire des literarischen Kabaretts zu Beginn der Zwanziger Jahre in Berlin wesentlich mitbestimmte. Klabund (eigentlich Alfred Henschke) hat schon früh für Blandine Ebinger Texte geschrieben, die ihre eigenartige Begabung  nutzten. Eines der ersten Lieder für sie war sein „Und ick baumle mit de Beene“, aber auch „Wo andre gehn, da muß ich fliegen“, Lieder, die in der Vertonung von Hollaender zum festen Bestandteil ihres Repertoires wurden (CD 1 Nr. 20).
„Der zurückhaltende bescheidene Poet mit den braunen, etwas wehmütigen Augen“ mußte immer wieder für seine schwere Schwindsucht in Davos Linderung suchen. Sein Lebensglück war die Ehe mit der Schauspielerin Carola Neher, die durch alle schweren Jahre sein Schicksal teilte, ihn oft nach Davos begleitete, auch zum Schaden ihrer Karriere. Klabund starb 1928 in einem Davoser Lungensanatorium.
Imagewar noch unbekannt, als er 1922 in der „Wilden Bühne“  erstmals zur Laute eigene Texte vortrug. Walter Mehring - damals dort Hausautor - und die Prinzipalin Trude Hesterberg berichten übereinstimmend von der heftigen Reaktion des Publikums auf „Jakob Apfelböck“. Die Besucher tobten, es wurde ein handfester Skandal. Brecht ist nie wieder aufgetreten. Es war zu der Zeit, als er mit „Trommeln in der Nacht“ einen ersten Erfolg in Berlin hatte; Blandine Ebinger war dabei. Sie berichtet über zahlreiche Begegnungen mit Brecht:
„Emmi, mein Hausmädchen, sagte: ‚Gnä’ Frau, der Kommunist ist wieder da.’ - ‚Emmi, Sie dürfen so nicht sprechen, das ist ein Dichter.’ - ‚Blumen hat er ooch nich, dafür hat er ‘n Rollmops.’ Er hatte keinen Rollmops, er hatte einen Hering. Der tropfte natürlich, sehr zu Emmis Ärger. Er las mir ein neues Gedicht vor.“ Das tat er oft, er legte Wert auf ihr Urteil. Trotz der gegenseitigen Wertschätzung schrieb Brecht nie Texte für Blandine Ebinger, erst im Nachlaß fand man mit den „kouplets für blandy“ Versuche, Fragmente, über deren Auffinden und Komplettieren Blandine Ebinger berichtet (CD 2 Nr. 14).
Imagewar schon um die Jahrhundertwende als Dramatiker mit Werken wie „Frühlingserwachen“ oder „Lulu“ erfolgreich, die heute noch viel gespielt werden. Daneben schrieb er Gedichte und Balladen, die er selbst zur Laute auf der Bühne der „Elf Scharfrichter“ in München vortrug, „um sich zweimal in der Woche fünf Mark für ein gutes Essen zu verdienen“. Unter diesen war auch „Ilse“, das Blandine Ebinger zwanzig Jahre später im „Schall und Rauch“ sang. Wedekind „hat die nacktärschigsten Gedichte in Deutschland verfaßt“
Autor, Regisseur.
Er schrieb die Texte zur Spoliansky-Revue ‚Wie werde ich reich und glücklich‘ (1930) und ‚Das Haus dazwischen‘ (1932). Emigrierte 1933 zunächst nach Budapest, später über Wien in die USA, wo er als Felix Jackson Drehbücher schrieb (‚Destry Rides Again‘) und Filme produzierte.
Imagewar einer der vielbeschäftigten Musiker im Berlin der Zwanziger Jahre. Kaum ein Kabarettprogramm kam ohne seine Melodien aus, zahlreiche Revuen verdankten ihren Erfolg seiner Musik. Sein feines Wesen machte ihn - neben Rudolf Nelson und Friedrich Hollaender - zu einem beliebten Partner der Texter, die Vielfalt seiner musikalischen Ausdrucksform spiegelt sich in Chansons, Bühnen- und Filmmusiken, Schlagern und Revuen wieder. Ein wahrer Meister der Verstärkung von Texten durch Musik. Geboren in Rußland, gefeiert im Berlin der Zwanziger Jahre, führte ihn sein Weg ins Exil 1933 nach London, wo er bis zuletzt lebte. Erstmals kehrte er 1977 nach Berlin zurück, wo er bei den Berliner Festwochen im Renaissance-Theater – zusammen mit Margo Lion und Blandine Ebinger – umjubelte Konzerte vor einem Publikum alter Bewunderer und einer neugierigen jungen Generation gab. „Schon klingt der alte Kurfürstendamm. Jahrzehnte scheinen plötzlich übersprungen und nach rückwärts vergessen“, schwärmte Friedrich Luft tags darauf und sprach von einer Lehrstunde darin, „wie man ganz Leichtes ohne Leichtsinn, aber doch zärtlich, frech, ernsthaft und mit verhaltenem Jubel intonieren kann“. Der Erfolg führte die Künstler 1978 noch einmal in Berlin zusammen.
Imagehatte als Filmkomponist der Ufa seine größte Zeit. „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“ hat gewiß wesentlich zum Erfolg des Filmes „Der Kongreß tanzt“ beigetragen, auch seine Melodien  aus dem Film „Die drei von der Tankstelle“ sangen die Menschen nach („Ich wollt ich wär ein Huhn“). Seine Musik begleitete aber auch im „Schall und Rauch“ und an der „Wilden Bühne“ Blandine Ebinger oder Trude Hesterberg zu Texten von Walter Mehring und Kurt Tucholsky. Im Exil in Hollywood – auch er mußte 1933 emigrieren – konnte er mit seiner Musik bestehen, etwa für Ernst Lubitschs große Filme „Ninotschka“ und „Sein oder Nichtsein“. www.heymann-musik.de >>
Image„Wochenend und Sonnenschein“ oder „Veronika, der Lenz ist da“ von den legendären Comedian Harmonists kennt man heute noch, auf CDs sind viele alte Aufnahmen wieder verfügbar. Bootz war einer der Köpfe des Sextetts, Arrangeur der Schlager und Begleiter am Piano. 1934 erhielt die Gruppe Auftrittsverbot in Deutschland, da drei ihrer Mitglieder Juden waren. Nach einer Zeit, in der Bootz mit den „arischen“ Kollegen der Gruppe und neu gewonnenen Sängern als „Meistersextett“ aufgetreten war, wechselte er 1938 als Hauskomponist, Autor und Orchesterleiter zu Willi Schaeffers’ „Kabarett der Komiker“. Seit 1971 war er Schauspielkomponist für Peter Zadek in Bochum, dort komponierte er die Musik zu der Revue nach Hans Fallada „Kleiner Mann, was nun?“. Erwin Bootz hatte Blandine Ebinger bei ihren Auftritten mit den „Comedian Harmonists“ begleitet. Sein phänomenales Musikgedächtnis ermöglichte ihm nach dem Krieg die Rekonstruktion zahlreicher Chansons, für die während der Emigration die Noten verlorengegangen waren. Er war der einfühlsame Pianist für Blandine Ebinger 1974 bei deren Wiederauftritt in der Akademie der Künste in Berlin.



Mainzer Kabarettarchiv