Stimmen der Kritik
Erstes öffentliches Lob
Einen Tag nachdem Blandine Ebinger die Königliche Schauspielschule absolvierte, vermerkt die Presse über sie in ihrer Rolle als Franziska in Lessings „Minna von Barnhelm“:
„Die junge Künstlerin besitzt so ziemlich alle Eigenschaften, die für das Fach der naiven Liebhaberin erforderlich sind. Eine frische, natürliche Spiel- und Sprechweise, einen kecken Humor, muntere Drolerie und Schelmerei sowie ein lebendiges Mienenspiel und vor allem Jugend, unverfälschte Jugend.“

Mehr als ein „Erlebnis“
Nach turbulenten Jahren ihres Künstlerdaseins, in denen sie durch Ufa und Kabarett berühmt geworden war, urteilt die Kritik:
„Und Blandine? Früher war sie eine ‚kesse Jöhre’, heute ist sie eine schöne Frau. Wieviel und was sie alles kann, das weiß Berlin schon. Sie gibt sich manchmal zu viel Mühe. Und sie hätte es gar nicht nötig! Ein bisschen von dem (scheinbaren!) Phlegma der Claire Waldoff, – und Blandine Ebinger wäre nicht nur ein ‚Erlebnis’ (das ist sie!) sondern ein ‚Glück’.“

Glänzend als „Hysterische Ziege“
Über ihren Auftritt in der Revue „Das bist Du!“ im Theater am Kurfürstendamm urteilt die Kritik: „Stärkste Interpretin ist Blandine Ebinger. Glänzende Charakteristik als ‚Hysterische Ziege’: Sie ist albern, eitel, zerfahren bis zur Verlogenheit,  und doch bleibt ihre Mimik im Gesanglichen, in der Musik.“

Was andere berühmte Zeitgenossen über sie dachten, ist in den nachfolgenden „Stimmen der Kritik“ festgehalten.

 
   
Image‚Wenn die man bloß nich kaputt geht‘, dachte ich, als ich Blandine das erste Mal sah. Und dann dachte ich: ‚Das arme Mähchen, das arme Mähchen ...‘ Und war überzeugt, daß sie schwer leidend sei und allerlei Gebrechen habe. Ja Kuchen! Die Ebinger ist stabiler und zäher als wir alle miteinander ... Blandine Ebinger mimt Jöhren, die im Kintopp geboren wurden – bei Kitschmusik und Mief. Wer sie genossen hat, darf sich einen Begriff von der sozialen Frage machen. Blandine ist die soziale Frage, Blandine ist allerletztes, vertiertes Hinterhaus. Blandine ist nicht von Käthe Kollwitz ... Blandine ist von Zille entworfen und von Marquis de Bayrosnicht auseführt. Es ebe die Dekadenz! Blandine Ebinger... iest die gewordenen Tochter des Freiherrn von Sade.
ImageDas ist ein Kunstwerk, kongenial den Anklagebildern Zilles oder der Käthe Kollwitz, eine Sache für sich, die ihre eigene Vollkommenheit, eine fast visionär sichere Abtönung, ein bis ins Verhauchende gekonntes Ausbalancieren hat, daß jedem Lied sorglich die richtige Lage zwischen zu schwer und zu leicht gewahrt wird.
ImageFast ein halbdutzendmal in immer neuer Variation kommt sie als das verschüchterte, ernüchterte, gedrückte, zerdrückte kleine Mädel, aus dem allerlei kleine Freuden kichern, lispeln und jubilieren, bis sie schnell wieder ins Verschämte zurücksinkt, um winzig Unverschämtes zu zwitschern. Aber alles ist ganz leise, ganz zart, herzrührend.
ImageBlandine macht oft in einer gewaltsam-beweglichen, dabei trocknen und ausgesparten Haltung hinzreißenden Spaß. Diese Schauspielerin ist, gewissermaßen, das Waisenmädchen an sich.


ImageMan könnte sie als eine rachitische Madonna bezeichnen ... diese lispelnde, magere Person mit den strengen, großen Augen ist die Meisterin der Tragigroteske. Mit einer kleinen, törichten Handbewegung fegt sie unsere Gleichgültigkeit fort, und mit ihrem Lächeln verlegener Unsicherheit zwingt sie uns zur Erschütterung ... Reinhardt gab ihr schon manche Rolle, aber noch nie bekam sie die rechte. Und das, obwohl sie eine unserer größten und modernsten Schauspielerinnen ist.
ImageVon allen späteren Antikriegsproduktionen ... hat mir keine einen so starken Eindruck hinterlassen wie „Die Trommlerin“, Text und Musik von Friedrich Hollaender, in der ergreifenden scenischen Gestaltung durch Blandine Ebinger aus seiner Revue hervorstechend ... wichtiger zur Frontabschreckung als die Propanganda für Quark und Remarque.
ImageNun ist (Otto) Reutter dahin. Seinesgleichen? Na, viel ist es nicht damit. Da ist jetzt Marcellus Schiffer, der fast immer die allerherrlichsten Einfälle hat, und manchmal denke ich, verzeih mir die Sünde, man müßte ihm die Einfälle fortnehmen, denn was er daraus macht, ist nicht immer gut, und dann ist da, aber ganz und gar allein, Friedrich Hollaender, der die besten Texte schreibt, die heute bei uns geschrieben werden. Walter Mehring, notre maitre à tous, ist wieder eine andre Sache und gehört nicht ganz in diese Schublade.
ImageWenn die Berliner Festwochen 1974 am Ende etwas erbracht haben werden, so sicherlich doch eines: Die Wiederentdekkung einer großen Diseuse und Chansonneuse und Herzenskabarettistin. In der Akademie der Künste gab es einen Abend, betitelt „Musik und Sprache“, organisiert hauptsächlich oder nur um zu erweisen, daß es den Schönbergschen Sprechgesang nicht nur bei Schönberg und bei dessen Liedern, die er Wolzogen und dessen Kabarett schrieb, gab – auch andere Komponisten huldigten schon dem Sprechgesang. Hollaender unter anderen tat es und vor schier fünfzig Jahren hat Blandine Ebinger, die Berliner Mitbürgerin, ... seine schönsten Kellerkinderlieder und Hinterhofballaden gesungen – gesungen mit einer geradezu infam kleinen, vorsichtigen und unverschämt ausdrucksvollen Stimme. Mit allen Anzeichen des wunderbar authentisch Berlinischen, mit dem immer zart anjestoßenen S, mit der vulgär ganz nach vorn gelegten Stimme, mit jenem ordinären Psalmodierton, mit jener unverschämten Monotonie, die den Berliner Tonfall so süß, so rüde ausdrucksvoll und so schön unerträglich macht. Das konnte die Ebinger wie keine – und siehe, sie kann es noch. Sie trat auf die Bühne, Erwin Bootz, Tastenmeister und Arrangeur der unvergessenen Comedian Harmonists, begleitete die Königin des Berlinisch-Kommunen meisterhaft und die Ebinger tat den Mund auf, hauchte, maulte, sang, sprach, erzählte, weinte, lächelte im Lied, und alles so, so scheinbar selbsterstaunt, so absolut sicher, so irrsinnig komisch und zugleich so herzzerbrechend ernsthaft. Und eine ganze reiche Landschaft Berlinischer Hinterhoferbärmlichkeit treffend, daß da neuerlich eine Meisterin des Gesanges, der sogenannten Kleinkunst, selig und jubelnd entdeckt war, als wäre ein halbes Jahrhundert nur ein halber Tag. Eine Stimme der goldensten Zwanziger Jahre durchaus wieder live. Und da waren die Leute aber aus dem Häuschen und Blandine Ebinger hat seit Dienstag abend eine ganz neue Karriere mit ihren und mit Friedrich Hollaenders alten, schönen, quicklebendigen Liedern begonnen. Dem wohnt man gerne bei. Mir tun die  Hände vom Klatschen heute noch weh.
ImageSie macht das Feste zerbrechlich, das Traurige ironisch. Das Paradoxe ist ihr Element, in dem sie nicht Widersprüche vorführt, sondern kleine Zauberstücke. Was sie singt, klingt einfach. Was sie dabei macht, öffnet Falltüren ins Bodenlose. Ebingers Stimme schwebt, wenn sie singt, in die gefährliche Entrückung. Es fällt kein Schimmer Romantik auf die Figuren, die sie der Zille-Welt entrückt, um sie wie bei Brecht in ein kaltes Licht zu stellen. „Niobe-Ebinger-Melancholie“, hieß eine Zeile in einem frühen Film-Entwurf von Brecht; scheinbar rätselhaft, doch ins Zentrum der Wirkung führend, die von dieser Darstellerin des Vorzeigens ausgeht.
Tucholsky, Mehring, Ringelnatz, und vor allem Hollaender, schrieben für sie Lieder, die sie heiß und herzlos, ebenso rührend wie gemein darbot. Polgar sah sie in einem Horvàrth-Stück auf der Bühne. Er fand die Ebinger „sanft und spitz“. Ihr Rollenfach wurde die Standesvertreterin bürgerlicher Neurosen, die unter dem Taftkleid schlummernd nur hörbar wurden wie ein scharfer Riß im Stoff. Im Film‚ „Der Biberpelz“‚ (1937) war sie eine hochfahrende Frau, die ihre Empfindsamkeit mit zusammengebissenen Zähnen ausstößt. In „Ännchen von Tharau“‚ (1954) darf sie mit Berliner Witz und S-Fehler als Inhaberin eines Eiswagens Sammelpunkt eines sozial versprengten Nachkriegslebens sein. Die Hollywoodemigrantin spielt eine Vertriebene: ‚aber von nicht zu weit‘. Das Publikum war empfänglich für derlei Diskretion. Vom Film unterfordert, erst in den siebziger Jahren zu einer dritten Karriere als Chansonsängerin wieder entdeckt, spielte Ebinger nervöse, gereizte Frauen: Zu kurz Gekommene, gleichsam tragende Nebenrollen. Im Remake der „Mädchen in Uniform“‚ (1958) war sie die wieselhafte Erfüllungsgehilfin der Oberin des Stifts. Ihr ganzer Körper wurde zum Arm der Macht. Ihr gelang eine Silhouette.
So ist die Essenz ihrer Kunst: ebenso flüchtig wie präzise, jede Geste ein kurz stechender Schmerz, jeder Ton eine getuschte Versöhnung. Das Zauberstück dieses gebrannten Kindes, das widerwillig sich entschloß, erwachsen zu werden, ist das Zündeln mit den versteckten Neurosen.